Ein Angebot das man nicht ablehnen kann. Warum Wissenschaftler Open Access wählen.

This post is based on a keynote address delivered for the Jahresversammlung 2017 of the VDB Südwest at Freiburg University on Friday, June 23rd 2017.

Als ich vor acht Jahren dem Heidelberger Exzellenzcluster „Asien und Europa im globalen Kontext“ beitrat, war mein erster Auftrag eine wissenschaftliche Zeitschrift für das neue Forschungsfeld der transkulturellen Studien aufzubauen. Diese Zeitschrift sollte auf der Open Source Plattform OJS laufen, von der UB gehostet werden und im Open Access erscheinen. Es galt also ein Herausgebergremium zu bilden, Arbeitsabläufe zu entwerfen, die Technik zu meistern, ein Team an Lektoren, Designern, und Programmierern zusammenzustellen, und selbstverständlich Manuskripte von Wissenschaftlern einzuwerben.

Die Akquise war damals und ist bis heute nicht einfach, aber der Gegenwind, der mir 2009 entgegenschlug, hat sich etwas gelegt. Beruhend auf meinen Erfahrungen der letzten Jahre, bietet dieser Post die These an, dass Wissenschaftler sich heute aus drei Gründen für Open Access entscheiden: Zwang, Eigennutz und Gemeinwohl.

Etwas Hintergrund

Seit 2009 hat sich viel getan. Bibliotheken und Archive haben inzwischen weltweit mit zahllosen Digitalisierungsprojekten den wissenschaftlichen Umgang mit Forschungsmaterial komplett verändert. Auffindbarkeit von und Zugriff auf verschiedenste Materialien online wird von Wissenschafltern heute quasi vorausgesetzt und ihr Forschungsverhalten hat sich dementsprechend angepasst. Um Kenneth Goldsmith zu bemühen: “If it doesn’t exist on the internet, it doesn’t exist.” 

Repositorien gehören nunmehr zum Profil vieler Forschungsbibliotheken. Was die Infrastruktur betrifft, so steht damit der sogenannte grüne Weg des Open Access offen. Aber auch Erstveröffentlichungen im Open Access (dem sog. Goldenen Weg) haben an Bedeutung gewonnen: In den Naturwissenschaften gehören Megajournals wie BioMedCentral, PeerJ, Elife oder auch PLOSone zu den besseren Adressen und auch die Verlage ziehen mit. Gerade die großen Häuser bieten ihren Autoren inzwischen eine Open Access Lösung an. Es rentiert sich ja auch – zumindest noch – da durch sog. Author Processing Charges die marktwirtschaftlichen Interessen der Verlage gewährt sind.

Auch die Forschungsparameter haben sich verschoben: Förderungsinstrumente und Forschungseinrichtungen erwarten immer öfter die Veröffentlichung von unterstützten Forschungsergebnissen im Open Access. (s.u.) und auch rechtliche Verschiebungen können nicht ausser Acht gelassen werden. Den Streit um die Angleichung des Urheberrechts verfolgen wir alle sehr gespannt. Deutschland hat inzwischen ein Zweitverwertungsrecht, das vielen zwar noch zu zaghaft ist, aber immerhin. Einige Zeitschriftenartikel können nunmehr ganz legal nach einer Embargozeit auf Repositorien eingestellt werden.

These: Drei Beweggründe bringen die Wissenschaftler dazu im Open Access zu publizieren: Zwang, Eigennutz, Gemeinwohl

Zwang

Von staatlicher bzw. Landesseite her ist in Deutschland die dezidierte Einforderung von Open Access noch etwas zögerlich. Die DFG, obgleich sie sich sehr stark für Open Access einsetzt, hat noch immer kein strenges Mandat und bei den Förderungsinstrumenten des Staates und der Länder ist es ähnlich. Anders ist die Lage jedoch bei unabhängigen Forschungseinrichtungen wie Max Planck, Leibnitz, oder Helmholz. Auch internationale Drittmittelinstrumente wie ERC und Horizon 2020 Programmen, Wellcome Trust, Bill & Melinda Gates Foundation ziehen die Daumenschrauben an. Es wird in den Richtlinien bereits eine Veröffentlichung der Ergebnisse im Open Access vorausgesetzt. Bei Nichteinhaltung kann es zu Problemen bei Folgeanträgen kommen. Das ist ein Angebot, das ein Wissenschaftler schwer ausschlagen kann, denn für heutige Forscher sind Förderungsinstrumente von existenzieller Wichtigkeit. Drittmittel sind ein sine qua non für eine erfolgreiche akademische Karriere, mehr noch, ohne Drittmittel stünden zahlreiche akademische Karrieren vor dem Aus. Das lässt den Wissenschaftlern nicht viel Spielraum.

Es gibt selbstverständlich Widerstand. Akademiker sind ein streitbares Volk – das sollen sie ja auch sein – und somit stoßen die Bestrebungen von offizieller Seite nach einem Open Access Mandat – sei es der Staat oder die Universtiät als Einrichtung – in Deutschland gerne auf Protest. Man denke zum Beispiel an die Normenkontrollklage gegen die „Satzung zur Ausübung des wissenschaftlichen Zweitveröffentlichungsrechts“ der Universität Konstanz, die Ende letzten Jahres eingereicht wurde. 17 Hochschullehrende der Universität Konstanz klagen gegen deren Satzung die ihre Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zur Nutzung des Rechts auf Zweitveröffentlichung verpflichtet. Die Kläger sehen darin einen Verstoß gegen das Grundrecht der Wissenschaftsfreiheit (Art. 5 Abs. 3 GG). Die rechtliche Klärung dieser Frage wird wegweisend sein für die weitere Entwicklung des Open Access in Deutschland.

Eigeninteresse

a) Rechte

Wenn heute ein Wissenschaftler bei einem Verlag publiziert, so verliert er üblicherweise bei Unterschrift des Vertrages die Wiederverwertungsrechte an seinem Werk. Er darf es nicht übersetzen lassen, erneut publizieren, verschicken, oder in modifizierter Weise anderswo unterbringen ohne die Genehmigung des Verlages einzuholen.

Was immer wieder verwundert ist, dass sich selbst gestandene Wissenschaftler nicht darüber im Klaren sind wie weitreichend der Verlust der Rechte am eigenen Werk ist. Viele setzen sich wenig mit ihrem Publikum und dem Schicksal ihrer Inhalte auseinander. Es ist fast so, als ob die Publikation bei einem Verlag das eigentliche Ziel der Forschung ist und nicht die ideale Verwertung und Verbreitung der Ergebnisse. Es ist daher essenziell, gerade junge ForscherInnen darauf hinzuweisen, dass sie ihre Rechte am eigenen Werk – seien es Daten, Aufsätze, Programme, oder Bücher – in Open Access Publikationen mit einer Creative Commons Lizenz behalten können und dass das von Vorteil ist.

Es wäre unfair und auch nicht unbedingt hilfreich, die Verlage als zweidimensionale Bösewichter abzustempeln. Bei vielen Verlagen steht die Rechteverwertung der Inhalte im Zentrum des Geschäftsmodells – nur wenige wagen einen Schritt weg vom lukrativen Long Tail hin zu einem APC Modell.

Die meisten sträuben sich gegen die Veränderung, und Verlage investieren lieber in Lobby-Arbeit in Brüssel und Berlin um den Status Quo zu wahren, als sich auf das existentielle Risiko einer Umstellung auf Open Access einzulassen. Das ist wohl ein weiterer Grund, warum die Open Access Entwicklung relativ zäh vorangeht.

b) Distribution

Zurück zum Eigeninteresse. Es ist, wie gesagt, erstaunlich, dass sich akademische Autoren wenig Gedanken machen, für wen sie eigentlich publizieren. In den STM Fächern jagt man zwar dem Impakt Faktor nach – was eine ganze Reihe wissenschaftspraktischer Probleme mit sich bringt– aber in den Geistes- und Sozialwissenschaften scheint die Publikation tatsächlich oft noch Mittel zum Zweck zu sein. Aber auch hier gibt es wenigstens ansatzweise Veränderungen und das liegt an der digitalen Kommunikation im Allgemeinen und an den Sozialen Medien im Besonderen.

Aber natürlich sind längst nicht alle Forscher online aktiv, im Gegenteil. Sogar viele Jungforscher engagieren sich kaum online, sei es in Communities, Blogs, oder den sozialen Medien. Das ist einerseits gut, denn soziale Medien und Blogs fressen Zeit, die wiederum beim Schreiben, Forschen und letztendlich beim Leben fehlt. Allerdings ist es durchaus so, dass sich das Feld der Wissenschaftler spaltet in die, die digital engagiert sind und die die es nicht sind. Letztere tun sich damit keinen Gefallen , denn online werden nicht nur Informationen zu Förderungsmöglichkeiten, Stellenausschreibungen und Konferenzen ausgetauscht; es ist auch eine ideale Möglichkeit die Distribution der eigenen Forschungsergebnisse voranzutreiben. Open Access Publikationen erlauben es dem Wissenschaftler genau dies zu tun und zwar ganz legal, denn das Hochladen auf Academia.edu liegt, um es vorsichtig auszudrücken, in einer Grauzone, wohingegen man mit Open Access Publikationen nichts falsch machen kann.

Gemeinwohl

Der dritte Teil meiner These, der das Gemeinwohl als Beweggrund sieht, ist auch der Angenehmste und wichtigste: Das Gemeinwohl ist letztendlich der wirkliche Grund warum man das Angebot einer Open Access Lösung nicht ablehnen kann. Denn wenngleich Zwang und Eigennutz stark in der Entscheidung der Wissenschaftler für Open Access ins Gewicht fallen mögen, so muss doch letztendlich die gute Sache ausschlaggebend sein. Um das Gemeinwohl ging es in der Open Access Bewegung ohnehin von Anfang an. In der Budapester Open Access Initiative liest man Folgendes:

An old tradition and a new technology have converged to make possible an unprecedented public good. The old tradition is the willingness of scientists and scholars to publish the fruits of their research in scholarly journals without payment, for the sake of inquiry and knowledge. The new technology is the internet. The public good they make possible is the world-wide electronic distribution of the peer-reviewed journal literature and completely free and unrestricted access to it by all scientists, scholars, teachers, students, and other curious minds” (BOAI)

Mit anderen Worten, Open Access ist grundsätzlich eine ethisch motivierte Bewegung, in der es darum geht, Erforschtes allen Menschen zur Verfügung zu stellen, zum Wohle der globalen Gemeinschaft. Damit regt Open Access Wissenschaftler zur Selbstreflektion an: Für wen und wofür wird geforscht, wem gehören die Ergebnisse und wer soll Zugang zu ihnen bekommen? Kurzum welchen Auftrag hat die Wissenschaft und welche Grenzen akzeptieren wir?

Conclusio

Wie weit sind wir nun gekommen seit dieses hehre Ziel 2001 gesteckt wurde? Open Access Befürworter sind ungeduldig, und ich verstehe und teile diese Ungeduld. In einer Welt, in der dreißig Sekunden Downloadzeit ewig dauern, mag es tatsächlich etwas viel verlangt sein, sich nach zwanzig Jahren zufrieden zu geben mit den bisherigen Entwicklungen.

Andererseits müssen rechtliche und existentielle Fragen von Forschern, Verlagen und Einrichtungen geklärt werden und das braucht seine Zeit. Verlage bangen um ihre Existenz; Forscher kämpfen härter als je um Stellen, deren Vergabe oftmals auf dem Prestige der Zeitschriften und Verlage beruht, in denen man veröffentlicht; Bibliotheken sehen sich plötzlich völlig neuen Aufgabenbereichen gegenüber. Es wäre aber verkehrt zu sagen, dass wir nicht vorankommen: Die Infrastruktur für Open Access Publikationen im grünen wie im goldenen Weg ist weit gediehen und viele Wissenschaftler sind für die Vorteile des Open Access weitaus offener geworden als sie dies noch vor zehn Jahren waren.